Zwei Engpässe: Segmentstoß und Blattwurzel

Beim Straßentransport begrenzen Kurven, Durchfahrten und die konkrete Route die erreichbaren Standorte. Segmentierte Rotorblätter werden deshalb aus getrennt gefertigten Längsabschnitten zusammengesetzt. Im Projekt SegBlaTe untersuchten DLR, Fraunhofer IWES und Nordex hierfür Verbindungskonzepte und Fertigungsprozesse. Die grundlegende Bauweise eines Blatts erläutert der Leitartikel zur Windenergie.

Ein Segmentstoß verbindet zwei Blattabschnitte miteinander. Die Blattwurzel dagegen verbindet das ganze Blatt mit der Nabe. Beide können von höher belastbaren Krafteinleitungen profitieren, haben aber unterschiedliche Geometrien und Nachweisaufgaben. Der DLR-Beitrag von 2022 beschreibt für die Blattwurzel eine rechnerische Auslegung, die bis zu 150 Meter lange Rotorblätter ermöglichen soll. Diese Perspektive bedeutet nicht, dass ein entsprechendes Serienblatt bereits gebaut oder zugelassen wäre.

RAX: Die Bohrung gezielt vorspannen

RAX steht für radial und axial vorgespannt. Radial bezeichnet die Richtung vom Bolzen nach außen zur Bohrungswand; axial bedeutet entlang der Bolzenachse und damit durch die Laminatdicke. Bei der Montage bewegen sich konische Spannelemente gegeneinander. Ein geschlitztes Ringelement wird aufgeweitet und legt sich an die Bohrung an. Flansche stützen das Laminat zusätzlich von außen in Dickenrichtung. Beylands Dissertation von 2023 beschreibt das Prinzip und untersucht seine mechanische Wirkung.

Die radiale Vorspannung verändert den Kontakt zwischen Bolzen und Lochwand, die axiale Abstützung hemmt das Aufspalten der Lagen. Solche Lagenablösungen heißen Delaminationen. Die Konstruktion zielt damit auf eine günstigere örtliche Lastübertragung in dickwandigen Faserverbundbauteilen. Ein konventioneller Bolzen wird nicht allein durch stärkeres Anziehen zu einer RAX-Verbindung. Geometrie, Spannelemente, Montagekräfte und Laminataufbau müssen gemeinsam ausgelegt werden.

Faser-Metall-Laminate: lokale Verstärkung mit eigenen Grenzen

Ein Faser-Metall-Laminat, kurz FML, kombiniert Faserverbundlagen mit dünnen Metalllagen. Bei der lokalen Metallhybridisierung werden ausgewählte Faserverbundlagen im Anschlussbereich durch Metall ersetzt. Das Metall unterstützt die Lastübertragung an der Bohrung; außerhalb der hochbelasteten Zone kann die Struktur weiterhin überwiegend aus Faserverbund bestehen. Koords Dissertation von 2024 untersucht hierfür insbesondere CFK-Stahl-Laminate. Solche Ergebnisse sind keine allgemeinen Kennwerte für jedes GFK-Metall-System.

Metall und Faserverbund dehnen sich bei Temperaturänderungen unterschiedlich aus. Dadurch entstehen bereits während der Herstellung und Abkühlung innere Spannungen. Koord zeigt, warum diese Eigenspannungen bei der Auslegung berücksichtigt werden müssen. Hinzu kommen die Verträglichkeit der Werkstoffpartner und die Haftung an ihren Grenzflächen. Ein eingelegtes Blech ist deshalb noch keine qualifizierte Verstärkung. Werkstoffkombination, Oberflächenbehandlung und Übergang zum übrigen Laminat gehören zur Konstruktion.

Lochleibung ist wichtig, aber nicht der einzige Nachweis

Lochleibung bezeichnet die örtliche Druckbeanspruchung, mit der der Bolzen gegen die Bohrungswand wirkt. Ein besserer Lochleibungswiderstand kann den Anschluss kompakter machen. Die Tragfähigkeit der gesamten Verbindung bleibt jedoch durch den zuerst maßgebenden Versagensmechanismus begrenzt. Koord unterscheidet neben Lochleibungsversagen unter anderem den Bruch des verbleibenden Nettoquerschnitts neben der Bohrung sowie das Ausscheren zum Bauteilrand. Randabstand, Bauteilbreite und Lagenorientierung verändern diese Grenzen.

Für den Segmentstoß sind deshalb auch Bolzen, angrenzende Struktur und die Lastverteilung zwischen mehreren Verbindungselementen nachzuweisen. Die Verstärkung darf das Problem nicht lediglich an das Ende der Metalllagen oder in eine benachbarte Klebfuge verlagern. Daraus folgt für die Auslegung: Eine einzelne hohe Prüfzahl ersetzt kein zusammenhängendes Anschlussmodell. Die Grundlagen verschiedener Fügeverfahren stehen im Leitartikel Kleben und Fügen.

Infusion: Metalllagen verändern den Harzfluss

Rotorblätter werden häufig durch Vakuuminfusion hergestellt. Geschlossene Metalllagen behindern dabei die Durchtränkung quer durch den Lagenstapel. Der DLR-Beitrag von 2022 beschreibt perforierte Metalllagen: Kleine Öffnungen ermöglichen den Harztransport durch die Dicke. Fließsimulationen unterstützen die Wahl von Lochmuster und Abständen. Gleichzeitig muss die verbleibende Metallstruktur ihre mechanische Aufgabe erfüllen. Die strömungsgünstigste Lösung ist daher nicht automatisch die tragfähigste.

Als damaligen Entwicklungsstand nennt das DLR erfolgreich infundierte FML-Bauteile bis 20 Millimeter Dicke; 35 Millimeter waren im September 2022 ein nächstes Untersuchungsziel. Diese historische Angabe ist weder eine heutige Verfahrensgrenze noch ein allgemeines Fertigungsrezept. Für das konkrete Bauteil sind vollständige Tränkung, geeignete Oberflächenvorbehandlung und ein reproduzierbarer Prozess zu belegen. Eine nachträgliche Änderung der Perforation betrifft sowohl Fertigung als auch Festigkeit und verlangt eine erneute Bewertung.

Toleranzen beginnen im Formwerkzeug

Im SegBlaTe-Ansatz entstehen die Segmente direkt in eigenen Formwerkzeugen. Die Verbindungselemente werden in die Struktur integriert. Das DLR beschreibt, wie sich Abweichungen aus Positionierung, Infusion, Aushärtung und dem Verkleben der Halbschalen aufsummieren. Positioniervorrichtungen, eine optische Messzelle und eine gefräste Querschnittsschablone unterstützen die Kontrolle. Durch das probeweise Zusammenklappen der Halbschalen lässt sich die Passung vor der endgültigen Verklebung überprüfen.

Für den Formenbau lässt sich daraus eine klare Planungsregel ableiten: Beide Segmentwerkzeuge benötigen aufeinander abgestimmte geometrische Bezüge und Prüfmerkmale. Erfasst werden müssen die für die Montage entscheidenden Positionen, nicht nur eine äußerlich glatte Kontur. Ein im RAX-Konzept tolerierbarer Bohrungsdurchmesser gleicht keine beliebige Fehlstellung der gesamten Verbindung aus. Das IWES beschreibt in SegBlaTe ergänzend die mechanische Bearbeitung der Fügestellen als eigene Präzisionsaufgabe.

Ermüdung: Von der Einzelprobe zum Blatt

Beyland berichtet 2023 für die untersuchten RAX-Lochleibungsproben gegenüber der konventionellen Referenz eine um 30 Prozent höhere statische Festigkeit und eine um 90 Prozent höhere zyklische Festigkeit bei einer Million Lastwechseln. Gemeint ist eine höhere ertragbare Beanspruchung unter den jeweiligen Versuchsbedingungen. Daraus folgt weder eine um 90 Prozent längere Betriebsdauer noch ein entsprechender Gewinn für ein vollständiges Rotorblatt. Die Werte betreffen außerdem das untersuchte RAX-Konzept und dürfen nicht beliebig mit FML-Verstärkungsfaktoren multipliziert werden.

Das Fraunhofer IWES beschreibt eine Nachweiskette von kleinen Werkstoffproben, sogenannten Coupons, über Teilstrukturen bis zur Ganzblattprüfung. Erst die größeren Maßstäbe erfassen das Zusammenwirken von Schalen, Gurten, Klebfugen und Anschluss. Statische Versuche prüfen die Lasttragfähigkeit; zyklische Versuche untersuchen die Schädigung unter wiederholter Beanspruchung. Biaxiale Prüfungen kombinieren Belastungsrichtungen. Prüfumfang und Lastkollektiv müssen zum konkreten Blatt passen; eine Million Laborzyklen lässt sich ohne dieses Belastungsmodell nicht in Betriebsjahre umrechnen.

Entwicklungsstand und praktische Bewertung

SegBlaTe lief laut IWES von 2017 bis 2020. DLR und IWES dokumentieren Demonstratorarbeiten im 20-Meter-Maßstab; die Beschreibungen unterscheiden sich darin, ob sie das Rotorblatt oder ein Rotorblattsegment benennen. Die IWES-Projektseite enthält zudem geplante Validierungsschritte. Daraus darf keine abgeschlossene Serienqualifikation abgeleitet werden. Die ausgewerteten Quellen liefern Grundlagen und Versuchsergebnisse, aber keinen vollständigen Zulassungs- oder Betriebsnachweis für ein 150-Meter-Blatt mit dieser Verbindung.

Wirtschaftlich ist die Segmentierung dann interessant, wenn geringerer Transportaufwand die zusätzlichen Werkzeuge, Anschlussbauteile, Bearbeitungs- und Montagearbeiten rechtfertigt. Genau diesen Zielkonflikt untersucht SegBlaTe. Als redaktionelle Prüffragen für ein konkretes Angebot ergeben sich: Welcher Fertigungsmaßstab ist belegt? Welche Anschlussprüfungen sind abgeschlossen? Wie wird die Passung bei der Endmontage nachgewiesen? Und welche Zugänglichkeit bleibt für Inspektion und Instandhaltung? Erst solche Angaben machen aus einem vielversprechenden Verbindungskonzept eine bewertbare Produktionslösung.