Wer ein GFK-Bauteil aus Polyesterharz einmal ausgehärtet hat, kann es schleifen, schäften und überlaminieren – aber nie wieder aufschmelzen. Die Vernetzung ist eine chemische Einbahnstraße. Genau hier liegt der Unterschied zu thermoplastischen Composites: Ihre Matrix ist nicht vernetzt, sondern besteht aus langen, nebeneinanderliegenden Molekülketten. Wärme macht sie beweglich, Abkühlen fixiert sie wieder – beliebig oft.

Duroplast oder Thermoplast: der eine entscheidende Unterschied

Beim Duroplast ist die Aushärtung Teil der Fertigung. Das Harz reagiert im Werkzeug, und diese Reaktion braucht Zeit – Stunden im Ofen, bei anspruchsvollen Systemen einen ganzen Autoklavzyklus. Beim Thermoplast gibt es keine Reaktion, sondern nur einen Phasenwechsel: aufheizen, formen, abkühlen. Die Taktzeit hängt dann nicht mehr an der Chemie, sondern an der Wärmeleitung.

Der Preis dafür sind die Temperaturen. Wo ein Epoxid bei 80 bis 120 °C aushärtet, liegt der Schmelzpunkt von kohlenstofffaserverstärktem PEEK bei rund 343 °C. Die Anlagen müssen also deutlich heißer, präziser und robuster sein – und das Material selbst ist teurer. Thermoplastische Composites sind deshalb kein Ersatz für GFK im Werkstattmaßstab, sondern eine Antwort auf Stückzahl und Kreislauffähigkeit.

Drei Temperaturen, die ständig verwechselt werden

Kaum ein Thema führt zu mehr Fehlangaben in Datenblättern und Artikeln. Bei PEEK sind es drei völlig verschiedene Werte: Die Glasübergangstemperatur liegt bei rund 143 °C – oberhalb davon verliert das Material an Steifigkeit. Die dauerhafte Einsatztemperatur wird mit rund 260 °C angegeben. Und die Schmelztemperatur, bei der überhaupt erst verarbeitet oder geschweißt werden kann, liegt bei rund 343 °C.

Wer diese drei durcheinanderbringt, liegt um mehr als 200 Kelvin daneben. Für die Bauteilauslegung zählt die Glasübergangstemperatur, für die Betriebsfreigabe die Einsatztemperatur und für die Anlagenplanung die Schmelztemperatur. Bei amorphen Matrizes wie PEI gibt es gar keinen Schmelzpunkt im engeren Sinn, sondern nur den Glasübergang – dort zwischen 211 und 216 °C, mit einsetzender Zersetzung erst weit darüber.

Die Matrix-Familien

  • PA (Polyamid): der günstige Einstieg, gut verarbeitbar, aber feuchteempfindlich – Wasseraufnahme verändert Steifigkeit und Maß
  • PPS (Polyphenylensulfid): chemikalienbeständig und schwer entflammbar, verbreitet in Flugzeug-Sekundärstrukturen
  • PEI (Polyetherimid): amorph, transparent für Laserstrahlung und deshalb beliebt als Schweißzwischenlage
  • PEEK und PEKK: die Hochleistungsklasse für Primärstrukturen, entsprechend teuer und heiß zu verarbeiten
  • LM-PAEK: eine niedriger schmelzende Variante der PAEK-Familie, entwickelt genau dafür, das Verarbeitungsfenster zu entschärfen

Die Zahl der Anwendungen wächst gerade deshalb, weil sich die Verarbeitung normalisiert hat: automatisierte Faserablage, kontinuierliches Pressformen, Thermoformen, Umspritzen im Spritzgusswerkzeug und Schweißen sind heute serienfähige Verfahren – nicht mehr Laborrouten.

Schweißen statt Kleben – und was das kostet

Die auffälligste Fähigkeit ist das Fügen ohne Klebstoff. Zwei Thermoplast-Bauteile werden an der Fügefläche aufgeschmolzen und verschmelzen miteinander. Das spart die Oberflächenvorbereitung, die bei Klebungen die häufigste Fehlerquelle ist, und es spart Nieten, also Löcher in tragenden Fasern. Welches Verfahren dabei zum Einsatz kommt, ist keine Geschmacksfrage – eine Vergleichsstudie an CF/PEEK zeigt deutliche Unterschiede:

VerfahrenScherfestigkeit der FügungProzessparameter im VersuchCharakter
Ultraschall28,6 MPa500 N Anpresskraft, 1.000 ms, 32 µm Amplitudehöchste Festigkeit, sehr vielseitig – aber die Zwischenlage kann über die Kanten fließen und die Maßhaltigkeit stören
Induktion17,6 MPa80 % Leistung, 3 mm/s Vorschub, maximal 375 °Cgute Maßhaltigkeit, bei CF/PEEK ohne metallischen Suszeptor möglich – dafür die niedrigste Festigkeit und weniger reproduzierbar
Laser (PEI-Zwischenlage)15,2 MPa17 mm/s, 45–66 W je nach Dickedie engste Streuung aller drei – setzt aber voraus, dass das obere Material für den Strahl durchlässig ist
Vergleich an CF/PEEK-Fügungen. Die Zahlen sind Versuchswerte einer Studie, keine Auslegungswerte – sie zeigen die Rangfolge und die Charakteristik der Verfahren, nicht garantierte Kennwerte.

Bemerkenswert ist der Induktionsbefund: Kohlenstofffaserverstärktes PEEK leitet Wärme mit bis zu 55 W je Meter und Kelvin so gut, dass sich das Laminat im Wechselfeld selbst erwärmt – ein metallisches Heizgewebe im Fügespalt ist nicht nötig. Bei glasfaserverstärkten Thermoplasten fällt dieser Vorteil weg, weil Glas nicht leitet. Die Verfahrenswahl hängt also unmittelbar an der Faser, nicht nur an der Matrix. Die Verfahren im Einzelnen behandelt der Leitartikel zu Thermoplast-Composites.

Der eigentliche Engpass ist nicht die Festigkeit, sondern die Streuung

Eine breit angelegte NASA-Untersuchung von 2025 hat Widerstands-, Induktions- und Ultraschallschweißen an vier Materialkombinationen verglichen – T700/LM-PAEK, AS4/PEEK, AS4/PPS und AS4/PEI –, geschweißt von drei verschiedenen Organisationen. Das Ziel war ausdrücklich nicht der Spitzenwert, sondern die Wiederholbarkeit: Als Kriterium galt ein Variationskoeffizient unter zehn Prozent in der Scherfestigkeit.

Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Beim Widerstandsschweißen erreichten drei von vier Materialien dieses Ziel, beim Induktions- und beim Ultraschallschweißen jeweils nur zwei von vier. Die Autoren benennen das Kernproblem deutlich: Neun Schweißungen nach demselben Prozess ergaben nicht zwangsläufig neun Schweißungen gleicher Qualität. Die Streuung war meist kein Ausreißer, sondern echte Streubreite – sichtbar gemacht per Ultraschall-C-Scan, wo dunkle Bereiche fehlende Anbindung zeigen.

Für die Praxis ist das die wichtigere Nachricht als jeder Festigkeitsrekord. Eine Fügetechnik wird nicht dadurch serienfähig, dass sie einmal 28 MPa erreicht, sondern dadurch, dass sie zuverlässig denselben Wert liefert. Genau deshalb gehören zerstörungsfreie Prüfung und Prozessüberwachung beim Thermoplast-Schweißen nicht zur Kür, sondern zur Grundausstattung – und genau deshalb dauert der Weg in die zertifizierte Primärstruktur länger, als die Materialeigenschaften vermuten lassen.

Umformen und Reparieren

Die zweite Fähigkeit ist das Umformen: Eine ebene, konsolidierte Platte wird aufgeheizt und in wenigen Sekunden in eine Form gepresst. Das ist derselbe Gedanke wie beim Tiefziehen von Blech und erklärt, warum thermoplastische Composites im Fahrzeugbau attraktiv sind – die Taktzeit liegt in Sekunden bis Minuten statt in Stunden.

Weniger bekannt ist die Konsequenz für Reparaturen. Ein duroplastisches Laminat wird repariert, indem man den Schaden ausschäftet und neu laminiert – die Reparatur ist eine Klebung. Bei Thermoplasten lässt sich Material lokal wieder aufschmelzen und verschweißen, was bei Schlagschäden erprobt ist. Das verändert die Wirtschaftlichkeit über die Lebensdauer, nicht nur die Fertigung.

Recycling: das stärkste Argument mit dem größten Sternchen

Im Grundsatz ist ein Thermoplast-Verbund recycelbar: einschmelzen, granulieren, neu verarbeiten. Das Sternchen steht bei der Faser. Beim Schreddern und erneuten Aufschmelzen werden die Fasern kürzer, und mit der Faserlänge sinkt die erreichbare Festigkeit. Aus einer Primärstruktur wird deshalb realistisch kein neues Strukturbauteil, sondern ein kurzfaserverstärktes Spritzgussteil – eine Verwertung auf niedrigerem Niveau, aber immerhin eine, die den Werkstoff im Kreis hält.

Dazu kommt ein praktisches Problem, das oft übersehen wird: Recycling setzt sortenreine Ströme voraus. Ein Bauteil aus CF/PEEK mit PEI-Zwischenlagen, Metallinserts und Lackaufbau ist nicht dasselbe wie ein Sack sauberer Verschnitt. Genau deshalb ist Produktionsabfall heute der realistischere Rohstoff als das Altbauteil vom Lebensende.