Wer Carbongewebe oder Rovings (Faserbündel von der Spule) kauft, stolpert früher oder später über Kürzel wie „T300“ oder „T700“. Sie stammen aus dem Typenprogramm des japanischen Herstellers Toray, der 1971 mit der T300 seine erste kommerzielle Carbonfaser auf PAN-Basis (Polyacrylnitril, der Ausgangsstoff fast aller heutigen Carbonfasern) auf den Markt brachte. Weil Toray den Markt über Jahrzehnte prägte, wurden seine Typnamen zur inoffiziellen Messlatte der ganzen Branche: Auch Fasern anderer Hersteller werden als „T300-Klasse“ oder „T700-Klasse“ gehandelt. Die Zahl hinter dem T geht laut Toray auf die ungefähre Zugfestigkeit in der alten Einheit Kilopond pro Quadratmillimeter beziehungsweise der US-Einheit ksi zurück – bei neueren Typen ist sie allerdings eher Generationsname als exakter Messwert.

Festigkeit ist nicht Steifigkeit: die drei Modulklassen

Zwei Kennwerte muss man dabei auseinanderhalten. Die Zugfestigkeit sagt, bei welcher Spannung die Faser reißt – angegeben in Megapascal (MPa). Der Zugmodul sagt, wie steif sie ist, also wie wenig sie sich unter Last dehnt – angegeben in Gigapascal (GPa). Toray sortiert sein Programm danach in drei Familien: Standardmodulfasern mit rund 230 GPa (etwa T300 und die hochfeste T700S), Zwischenmodulfasern mit rund 294 bis 324 GPa (T800S bis T1100G) und Hochmodulfasern der M-Serie mit bis zu 588 GPa. Wichtig für die Einordnung: Hochmodulfasern sind steifer, aber nicht fester. Die extrem steife M60J reißt laut Datenblatt schon bei 3.820 MPa – früher als eine deutlich günstigere T700S mit 4.900 MPa. „Besser“ ist bei Fasern also immer eine Frage der Aufgabe.

Typ (Klasse)ZugfestigkeitZugmodulTypischer Einsatz
T300 (Standardmodul)3.530 MPa230 GPaBranchenstandard seit 1971; Gewebe, Sichtcarbon, Werkstattbedarf
T700S (Standardmodul, hochfest)4.900 MPa230 GPaSportgeräte, Fahrräder, Druckbehälter
T800S (Zwischenmodul)5.880 MPa294 GPaLuftfahrt-Primärstrukturen
T1100G (Zwischenmodul)7.000 MPa324 GPaSpitzen-Luft- und Raumfahrt
M60J (Hochmodul)3.820 MPa588 GPaSatelliten, extrem steife Strukturen
SYT80 „T1200“ (ultrahochfest)über 8.000 MPaRaumfahrt, Drohnen, Robotik; Kleinstmengen

T1200: der neue Spitzenwert aus China

Im März 2026 stellte der chinesische Materialkonzern CNBM mit seiner Tochter Zhongfu Shenying auf der Pariser Fachmesse JEC World die Faser SYT80 vor – nach eigener Einstufung die weltweit erste in Serie produzierte Faser der Klasse „T1200“. Laut Hersteller liegt die technische Zugfestigkeit über 8.000 MPa; Agenturberichte übersetzen das anschaulich in das Zehnfache der Festigkeit von gewöhnlichem Stahl bei einem Viertel von dessen Dichte. Nominell überholt die SYT80 damit Torays kommerziell verfügbare Spitzenfaser T1100 mit ihren 7.000 MPa – wobei Branchenberichte anmerken, dass auch Toray bereits eine eigene T1200-Faser mit rund 8.000 MPa entwickelt hat, bislang allerdings ohne Serienfertigung.

Zur ehrlichen Einordnung gehört die Menge: Die Jahreskapazität liegt laut übereinstimmenden Berichten bei rund 100 Tonnen – während derselbe Konzern an seinen Standorten Xining und Lianyungang Zehntausende Tonnen konventioneller Carbonfaser pro Jahr fertigen kann. Die T1200-Klasse ist damit ein strategisches Nischenprodukt für Raumfahrt, Drohnen, humanoide Robotik und Wasserstoff-Druckbehälter – kein Material, das demnächst im Fasershop liegt.

Preis und Verfügbarkeit: die Leiter wird schnell steil

Wie steil die Preisleiter ist, zeigt eine Marktübersicht eines chinesischen Faseranbieters von 2025: T300-Klasse ab etwa 14 bis 17 US-Dollar pro Kilogramm, T700-Klasse 34 bis 40, T800-Klasse 71 bis 93 US-Dollar – und luftfahrtzertifizierte T800-Ware in feiner 6K-Aufmachung (6.000 Filamente je Faserbündel) jenseits von 240 US-Dollar pro Kilogramm. Grob gilt: Jede Klassenstufe verdoppelt den Kilopreis. Dazu kommt die Beschaffungshürde: Zwischen- und Hochmodulfasern gehen überwiegend als Prepreg (vorimprägnierte Halbzeuge) mit Luftfahrt-Dokumentation an Großabnehmer; im freien Handel für kleine Betriebe dominiert Standardmodul-Ware der T300- und T700-Klasse. Für T1200-Material existiert schlicht noch kein offener Markt.

Ehrlich eingeordnet: was davon in der Werkstatt ankommt

Für den klassischen GFK- und Formenbau ist das Rennen um die stärkste Faser vor allem Zuschauersport. Erstens arbeitet die Werkstatt überwiegend mit Glasfaser, die deutlich günstiger ist und für Formen, Boote oder Verkleidungen völlig ausreicht. Zweitens ist bei Formen selten die Faserfestigkeit die Grenze, sondern Steifigkeit, Wärmeformbeständigkeit und Oberflächenqualität – das regelt man über Lagenaufbau, Verrippung und Harzwahl, nicht über 8.000-MPa-Fasern. Drittens nutzt ein reales Laminat die Faserfestigkeit ohnehin nie voll aus: Harz, Faser-Harz-Haftung, Lufteinschlüsse und Lastumlenkungen begrenzen den Verbund lange vor der Faser. Wo Carbon in der Werkstatt sinnvoll ist – steife Formenträger, Sichtcarbon, lokale Verstärkungen – reicht die T300- bis T700-Klasse praktisch immer.