Wer ein Bauteil für ein Flugzeug auslegt, braucht mehr als ein gutes Harz und eine gute Faser: Er braucht zugelassene Kennwerte – statistisch abgesicherte Festigkeits- und Steifigkeitswerte, die die Luftfahrtbehörden akzeptieren. Genau diese Hürde hat die Vakuuminfusion jetzt genommen. Im September 2025 gaben der Werkstoffhersteller Syensqo und Teijin Carbon (Europa-Sitz in Wuppertal) bekannt, dass ihre Material-Prozess-Kombination als erstes Harzinfusionssystem überhaupt in die NCAMP-Datenbank aufgenommen wurde – anerkannt von der US-Luftfahrtbehörde FAA und der europäischen EASA.

Das qualifizierte Paket

Qualifiziert wurde keine einzelne Chemikalie, sondern ein komplettes System: das Epoxid-Infusionsharz PRISM EP2400 zusammen mit trockenen Kohlenstofffaser-Verstärkungen vom Typ Tenax IMS65 E23 24K – als Non-Crimp-Fabrics (Gelege, in denen die Fasern gestreckt und vernäht statt verwebt liegen, kurz NCF) und als UD-Gewebe mit Fasern überwiegend in einer Richtung. Verarbeitet wird per VARTM (Vacuum Assisted Resin Transfer Moulding): Die trockenen Lagen liegen in einer einseitigen Form unter Vakuumfolie, und der Unterdruck zieht das Harz durch das Faserpaket. Laut Teijin ist es die erste NCAMP-Qualifikation trockener Kohlenstoff-Verstärkungen per VARTM als eigenständigem, vom Material trennbar dokumentiertem Prozessweg.

  • Materialspezifikation NMS 241 – mit Unterspezifikationen für die trockenen Faserverstärkungen (NMS 241F) und das Harz (NMS 241R) sowie Laminatvarianten (biaxial, bidiagonal, UD).
  • Prozessspezifikation NPS 82401 – legt den VARTM-Infusionsweg verbindlich fest.
  • Öffentlich zugängliche Berichte: Materialkennwerte (CAM-RP-2024-020) und statistische Auswertung (NCP-RP-2024-009), abrufbar über NCAMP an der Wichita State University.

Was NCAMP ist – und warum zertifizierte Daten so wertvoll sind

NCAMP steht für National Center for Advanced Materials Performance und gehört zum National Institute for Aviation Research (NIAR) an der Wichita State University in den USA. Die Idee stammt aus dem NASA-Programm AGATE (gestartet 1995): Statt dass jeder Hersteller dieselben teuren Qualifikationstests wiederholt, wird ein Werkstoffsystem einmal nach strengem Prüfplan qualifiziert – und die Ergebnisse landen in einer gemeinsamen, öffentlich einsehbaren Datenbank. Schon AGATE verkürzte die Zertifizierungszeit laut NIAR um das Vierfache und senkte die Kosten um das Zehnfache.

Wer die Daten nutzen will, muss nicht bei null anfangen: Ein verkürztes „Equivalency“-Testprogramm genügt als Nachweis, dass der eigene Fertigungsprozess gleichwertige Laminate liefert. FAA und EASA akzeptieren dieses Verfahren offiziell. Für kleinere Luftfahrtfirmen, Zulieferer und Start-ups ist das der bezahlbare Weg zu zertifizierten Composite-Strukturen – und genau diese Tür steht nun erstmals auch für die Infusion offen.

Infusion statt Autoklav: was die Qualifikation praktisch bedeutet

Der klassische zertifizierte Weg im Flugzeugbau führt über Prepregs – vorimprägnierte Fasermatten, die tiefgekühlt gelagert und im Autoklaven, einem beheizten Druckbehälter, unter Überdruck ausgehärtet werden. Autoklaven sind teuer in Anschaffung und Betrieb und begrenzen die Bauteilgröße. Die jetzt qualifizierte Kombination kommt ohne aus: Laut Teijin erreicht das System auch ohne Autoklav eine vergleichbare mechanische Leistung, hohe Faservolumengehalte und einen Porengehalt nahe null. Trockene Gelege lassen sich zudem lange lagern – ganz ohne die Tiefkühl-Logistik der Prepregs.

Als Anwendungen nennen die Partner kleine bis sehr große Primär- und Sekundärstrukturen – also tragende Bauteile und weniger hoch belastete Anbauteile: Steuerflächen, Wartungsklappen und Verkleidungen in zivilen wie militärischen Programmen. Für die praktische Einführung arbeiten Syensqo und Teijin mit dem Advanced Composites Institute der Mississippi State University zusammen, das Prozessrobustheit und Materialkonstanz absichert. Rob Blackburn, Leiter Customer Engineering bei Syensqo, bringt den Kern auf den Punkt: Die Qualifikation schließe „eine kritische Lücke bei öffentlich verfügbaren Luftfahrt-Werkstoffdaten“.

Wichtig zur Einordnung: Die Qualifikation macht die Infusion nicht automatisch zum besseren Verfahren. Autoklav-Prepregs und Out-of-Autoclave-Prepregs behalten ihre Stärken bei höchstbelasteten Strukturen. Neu ist, dass Konstrukteure erstmals mit zertifizierten, öffentlich dokumentierten Infusions-Kennwerten rechnen dürfen, statt ein eigenes teures Qualifikationsprogramm aufzulegen – ein Türöffner besonders für große, integrierte Bauteile, bei denen die Infusion ihre Wirtschaftlichkeit ausspielt.