Die Auslegung einer Flugzeugstruktur benötigt nachvollziehbare Werkstoffdaten und einen Nachweis ihrer Anwendbarkeit. Dafür kann eine gemeinsame Datenbasis wertvoll sein. Teijin Carbon meldete am 5. September 2025 die NCAMP-Qualifikation der Kombination aus Tenax IMS65 und PRISM EP2400. Die dabei beanspruchte Premiere bezieht sich ausdrücklich auf die NCAMP-Qualifikation trockener Kohlenstoff-Verstärkungen über den beschriebenen VARTM-Prozessweg – nicht auf den ersten Einsatz von Infusion in der Luftfahrt.
Das qualifizierte Paket
Qualifiziert wurde keine einzelne Chemikalie, sondern ein komplettes System: das Epoxid-Infusionsharz PRISM EP2400 zusammen mit trockenen Kohlenstofffaser-Verstärkungen vom Typ Tenax IMS65 E23 24K – als Non-Crimp-Fabrics (Gelege, in denen die Fasern gestreckt und vernäht statt verwebt liegen, kurz NCF) und als UD-Gewebe mit Fasern überwiegend in einer Richtung. Verarbeitet wird per VARTM (Vacuum Assisted Resin Transfer Moulding): Die trockenen Lagen liegen in einer einseitigen Form unter Vakuumfolie, und der Unterdruck zieht das Harz durch das Faserpaket. Laut Teijin ist es die erste NCAMP-Qualifikation trockener Kohlenstoff-Verstärkungen per VARTM als eigenständigem, vom Material trennbar dokumentiertem Prozessweg.
- Materialspezifikation NMS 241 – mit Unterspezifikationen für die trockenen Faserverstärkungen (NMS 241F) und das Harz (NMS 241R) sowie Laminatvarianten (biaxial, bidiagonal, UD).
- Prozessspezifikation NPS 82401 – legt den VARTM-Infusionsweg verbindlich fest.
- Öffentlich zugängliche Berichte: Materialkennwerte (CAM-RP-2024-020) und statistische Auswertung (NCP-RP-2024-009), abrufbar über NCAMP an der Wichita State University.
Was NCAMP ist – und was gemeinsame Materialdaten leisten
NCAMP steht für National Center for Advanced Materials Performance und gehört zum National Institute for Aviation Research (NIAR) an der Wichita State University. Das Programm führt gemeinsam nutzbare Materialdaten mit den zugehörigen Material- und Prozessspezifikationen zusammen. Hersteller können dadurch auf vorhandene Qualifikationsarbeit aufbauen, statt sämtliche Grundlagen erneut zu ermitteln. Der Nutzen liegt in dokumentierten und vergleichbaren Ausgangsdaten; daraus folgt noch keine Freigabe einer konkreten Struktur.
Ein „Equivalency“-Programm vergleicht einen neuen Datensatz statistisch mit einer bestehenden Qualifikationsbasis. Sein Umfang und seine Aussage hängen vom abgestimmten Prüfplan ab. Laut NCAMP sind die veröffentlichten Materialkennwerte in den meisten Fällen nicht unmittelbar als vollständige Auslegungswerte verwendbar; zusätzliche projektspezifische Prüfungen können erforderlich sein. Die FAA stellt in AC 20-107B, Abschnitt 6a(7), zudem klar, dass Materialien und Prozesse im Allgemeinen nicht eigenständig zertifiziert werden, sondern im Zusammenhang mit einer konkreten Produktzertifizierung akzeptiert werden können.
Infusion statt Autoklav: was die Qualifikation praktisch bedeutet
Ein etablierter Fertigungsweg im Flugzeugbau nutzt Prepregs, also vorimprägnierte Faserhalbzeuge, und einen Autoklaven als beheizten Druckbehälter. Daneben bestehen weitere Verfahren, darunter Prepreg-Verarbeitung ohne Autoklav. Die hier behandelte Kombination verwendet trockene Verstärkungen und eine spätere Harzinfusion. Das kann Anlagen- und Logistikkonzepte verändern; benötigte Werkzeuggröße, Härtung, Lagerbedingungen und Qualitätssicherung sind dennoch für das konkrete System zu planen. Der Verzicht auf den Autoklaven allein belegt weder geringere Gesamtkosten noch die Eignung für ein bestimmtes Bauteil.
Teijin nennt mögliche Anwendungen von Steuerflächen und Klappen bis zu größeren Flugzeugstrukturen. Das beschreibt ein Anwendungsfeld, keine abgeschlossene Zulassung all dieser Bauteile. Ob eine konkrete Struktur geeignet ist, hängt unter anderem von Lagenaufbau, Geometrie, Lasten, Umweltbedingungen und Fertigungsdetails ab. Die veröffentlichten Materialdaten sind dafür ein Ausgangspunkt, kein Ersatz für die Bewertung der tatsächlichen Konstruktion.
Die Verfahrenswahl bleibt eine technische und wirtschaftliche Abwägung. Materialqualifikation, Freigabe des eigenen Herstellprozesses und Nachweis einer Struktur sind zusammenhängende, aber unterschiedliche Aufgaben. Ein Wechsel von Harz, Verstärkung oder Prozess kann die bisherige Nachweisgrundlage verändern. Für die praktische Planung solcher Änderungen erläutert der Ratgeber Material- und Lieferantenwechsel qualifizieren einen nachvollziehbaren Prüf- und Entscheidungsablauf.