Kein Werkstoffwechsel im Auto passiert aus Liebe zum Material – er muss sich rechnen. Genau hier punktet Faserverbund: Bauteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) sind deutlich leichter als Stahl, rosten nicht und lassen sich mit integrierten Funktionen wie Rippen, Haltern und Kanälen in einem Pressvorgang herstellen. Beim Elektroauto kommt ein zweiter Hebel dazu: Weniger Gewicht bedeutet mehr Reichweite aus derselben Batterie – oder eine kleinere, günstigere Batterie bei gleicher Reichweite.

Wie groß dieser Markt ist, zeigt der AVK-Marktbericht vom März 2026. Die europäische Composites-Produktion lag 2025 bei 2.281 Kilotonnen, rund drei Prozent unter dem Vorjahr; der Transportsektor nahm knapp die Hälfte davon ab. Bei den thermoplastischen Verbunden ist die Abhängigkeit noch größer: Dort gehen laut Bericht rund 62 Prozent in den Transport, zusammen mit Elektro und Elektronik 86 Prozent. Anders als in der Luftfahrt zählt hier aber nicht das letzte Gramm, sondern die Taktzeit.

Die Taktzeit ist das Gesetz der Branche

Die entscheidende Zahl steht nicht im Werkstoffdatenblatt, sondern am Montageband. Die BMW Group meldete am 2. Februar 2026 für ihr Werk Regensburg: „Alle 57 Sekunden verlässt ein neues Fahrzeug das Montageband. Arbeitstäglich sind dies derzeit über 1.400 Fahrzeuge.“ Wer ein Bauteil zuliefert, das in jedem dieser Fahrzeuge steckt, muss diesen Takt dauerhaft bedienen. Als Rechenbeispiel: Ein Presswerkzeug mit fünf Minuten Zykluszeit deckt davon nur ein Fünftel; für ein einziges Bauteil je Fahrzeug braucht es also rund fünf parallele Werkzeuge samt Handling und Puffer. Diese Rechnung entscheidet, welches Verfahren in der Großserie antreten darf – und warum das Handlaminat dort keine Rolle spielt, obwohl seine Stärken beim Prototyp und im Motorsport genau die richtigen sind: minimale Werkzeugkosten, frei wählbare Lagenzahl an jeder Stelle, sofortige Änderbarkeit.

VerfahrenGrößenordnung der ZykluszeitWerkzeugTypisches Automotive-Feld
Thermoformen von Organoblechrund eine Minutetemperiertes Stahlwerkzeug in der Presse (Halbzeug wird außerhalb aufgeheizt)Frontendträger, Sitzschalen, Unterbodenteile
SMC- und BMC-Pressenrund eine bis fünf Minuten, je nach Wandstärkebeheiztes Stahlwerkzeug mit TauchkantenAußenhaut, Scheinwerfergehäuse, Batteriedeckel
HP-RTMum fünf MinutenStahlwerkzeug in der Presse, evakuiertStrukturbauteile im Premiumsegment
VakuuminfusionStundeneinseitige Form mit VakuumsackPrototypen, Kleinserie, Nutzfahrzeugaufbauten
HandlaminatStunden bis Tageeinseitige GFK-NegativformMotorsport, Tuning, Ersatzteile
Größenordnungen, keine Anlagenkennwerte. Die Organoblech-Werte stammen vom Fraunhofer ICT, die Werte für SMC, BMC und HP-RTM aus dem Dossier zu den Serienverfahren und dem Glossar. Beim SMC- und BMC-Pressen bestimmt die Wandstärke die Zeit: Als Faustregel gilt rund 40 Sekunden Aushärtezeit je Millimeter, weshalb übliche Karosserie- und Anbauteile bei etwa einer bis fünf Minuten liegen und erst massive Bauteile darüber hinauskommen. Druck, Temperatur und Preform stehen dort und in den Verfahrens-Leitartikeln.

Typische Bauteile: vom Anbauteil bis zur Blattfeder

  • Außenhaut und Anbauteile aus SMC: Der Fachdienst kfz-betrieb nennt Heckklappen, Kotflügel, Seitenteile und Funktionsmodule, die Scheinwerfer und Waschanlage aufnehmen.
  • Scheinwerferreflektoren, Lampengehäuse und Schaltschrankteile: Der AVK-Bericht führt diese Anwendungen für SMC und BMC gemeinsam; die kleinen, geometrisch komplexen Teile darunter sind die klassische Domäne des kurzfaserigen BMC.
  • Batteriegehäuse und Batteriedeckel für Elektrofahrzeuge: das derzeit am stärksten diskutierte Feld, mit eigenen Anforderungen an Crash, Dichtheit, Abschirmung und Brandverhalten.
  • Strukturmodule aus Organoblech: Frontend- und Stoßfängerträger, Sitzschalen, Unterbodenverkleidungen, Halter und Pedale – typische Serienanwendungen dieses Halbzeugs; für Tepex (Bond-Laminates, heute Envalior) nennt der Hersteller namentlich Unterböden, Bremspedale, Batteriegehäuse und Frontends.
  • Fahrwerksfedern: GFK-Blattfedern ersetzen Stahlfederpakete seit Jahrzehnten in Serie und sparen dabei erheblich Gewicht (Faserverbund-Federn im Fahrwerk).
  • Flachplatten aus kontinuierlicher Fertigung: Laut AVK-Bericht werden Platten seit Jahren vor allem für Fahrzeuge hergestellt, etwa für Seitenwände von Aufbauten (Pultrusion).
  • Tuning, Motorsport und Kleinserie: Stoßstangen, Radläufe, Hauben und ganze Karosserien entstehen bis heute handlaminiert in GFK-Formen (Karosserieteile in Kleinserie).

SMC, BMC und HP-RTM: die duroplastische Großserie

SMC und BMC sind kein Randsegment, sondern der größte Einzelposten der europäischen Duroplast-Verarbeitung: 253 Kilotonnen im Jahr 2025, davon 183 Kilotonnen SMC und 70 Kilotonnen BMC – gut ein Viertel des Duroplastvolumens. Als Schwerpunkte nennt der AVK-Bericht Scheinwerfersysteme, Lampengehäuse, Schaltschränke und Außenbauteile in Nutzfahrzeugen, Pkw und öffentlichem Verkehr; zuletzt kamen Batteriegehäuse, Batteriedeckel und Ladeinfrastruktur dazu. Wie die Halbzeuge entstehen, wie sie reifen und mit welchen Drücken und Werkzeugtemperaturen gepresst wird, beschreibt das Dossier zu HP-RTM, SMC und BMC.

Für den Automobilbau zählt vor allem eine Eigenschaft, die im Werkstoffvergleich selten auftaucht: Nach Darstellung von kfz-betrieb hat SMC einen dem Stahl ähnlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten, sodass SMC- und Blechteile problemlos gemischt am Fahrzeug verbaut werden können. Das ist der eigentliche Grund, warum SMC die Außenhaut erobert hat: Spaltmaße bleiben über den Temperaturbereich stabil, und das Teil durchläuft denselben Lackierprozess wie das Blech nebenan – ergänzt nur um leitfähigen Primer, Kantenversiegelung und eine Spülung mit vollentsalztem Wasser nach der Tauchlackierung.

HP-RTM steht daneben für den Fall, dass ein Bauteil wirklich tragen muss: Harzinjektion unter hohem Druck in trockene Faserlagen im geschlossenen, beheizten Werkzeug, Taktzeiten um fünf Minuten – und trotzdem eine Nische. Der europäische RTM-Markt – der AVK-Bericht zählt dazu auch Light-RTM und die Infusionsverfahren – lag 2025 bei 109 Kilotonnen, CFK macht nach AVK-Angaben nur zwei bis drei Prozent des Gesamtmarkts aus. Der Engpass ist selten die Injektion, sondern das Vorformen: Ein Werkzeug, das in fünf Minuten fertig ist, verliert seinen Vorteil sofort, wenn die Preform von Hand gelegt wird. Deshalb hängt die Wirtschaftlichkeit an der automatisierten Preform-Fertigung; Druckbereiche und Varianten stehen im RTM-Leitartikel.

Organoblech und Thermoplast-Pressen

Thermoplastische Halbzeuge härten nicht aus, sondern erstarren beim Abkühlen – und genau das verkürzt den Takt. Die im Leitartikel zu Thermoplast-Composites belegten Zykluszeiten des Fraunhofer ICT – rund eine Minute für das Thermoformen von Organoblechen, etwa 40 bis 50 Sekunden für kombinierte Umform- und Anspritzzellen – liegen als einzige der hier verglichenen Verfahren in der Größenordnung des Endmontagetakts: Die kombinierte Zelle unterbietet ihn, das reine Thermoformen liegt knapp darüber. Matrixsysteme, Halbzeuge und Grenzen behandelt der dortige Leitartikel; hier zählt, wo die Bauteile sitzen.

In der Serie sind das vor allem Frontend- und Stoßfängerträger, Sitzschalen, Unterbodenverkleidungen und Halterungen. Marktseitig bleibt das Segment kleiner, als die Aufmerksamkeit vermuten lässt: Langfaserverstärkte Thermoplaste (LFT) kamen 2025 europaweit auf 87 Kilotonnen, glasmattenverstärkte (GMT) auf 22, endlosfaserverstärkte (CFRTP) auf 10 Kilotonnen – Letztere führt der AVK-Bericht ausdrücklich weiter als Nischenprodukt. Nahezu das gesamte Volumen fließt in den Transportsektor, was es besonders konjunkturempfindlich macht.

Das Batteriegehäuse: das umkämpfteste Entwicklungsfeld

Kein anderes Bauteil bündelt so viele Anforderungen: Crashlasten aufnehmen, dauerhaft dicht bleiben, den Bauraum unter dem Fahrzeugboden ausnutzen, elektromagnetische Störungen abschirmen, das Thermomanagement tragen und ein thermisches Durchgehen – den sich selbst verstärkenden Brand einer Batteriezelle – möglichst lange zurückhalten. Faserverbund ist dabei in einem Punkt im Vorteil: Er leitet Wärme sehr viel schlechter als Aluminium und wirkt im Brandfall damit eher als Barriere denn als Wärmebrücke; flammhemmend ausrüsten lässt sich der Werkstoff ebenfalls. In einem anderen ist er im Nachteil, denn GFK schirmt elektromagnetisch nicht ab. Abhilfe schaffen laut dem Verarbeiter Hintsteiner hochleitfähige Schutzlacke, eingebrachte metallische Abschirmgewebe oder Beschichtungen wie PVD und Flammspritzen – Aufwand, der in jede Kostenrechnung gehört.

Wie weit die Serienreife gediehen ist, zeigte im Januar 2026 ein Sieger des JEC Innovation Award in der Kategorie Automotive and Road Transportation – Process. Im Projekt GroKuBat entwickelten die TU Chemnitz, Mahle Filtersysteme als Koordinator, das Fraunhofer ICT, Wickert Maschinenbau sowie Formenbau GF, In2p und Gerlinger Industries ein Traktionsbatteriegehäuse aus lang- und endlosfaserverstärktem Thermoplast, gefertigt im Fließpressen mit kurzzyklischer Werkzeugtechnik. Nach Angaben des Verbands Composites United ist das Gehäuse rund 15 Prozent leichter als die Aluminium-Referenz, senkt die CO2-Bilanz über den Lebenszyklus um etwa 25 Prozent gegenüber einem konventionellen Metallgehäuse und entsteht in deutlich unter zwei Minuten.

Neu ist die Idee nicht: Schon im BMWi-Projekt NexHoS entstand zwischen 2012 und 2016 bei BMW ein Gehäuse mit einer Wanne aus umgeformten Glasfaser-Organoblechen und einem PA6-Deckel. Verändert hat sich seither die Funktionsintegration. Der Zulieferer Kautex beziffert sein thermoplastisches Pentatonic-Gehäuse auf bis zu 30 Prozent weniger Gewicht als ein vergleichbares System aus Stahl oder Aluminium und auf bis zu 20 Prozent geringere Kosten, weil integrierte Kühlplatten Montageschritte und Dichtfugen einsparen; belegt wird das mit einer Testflotte über 160.000 Kilometer und einem Auftrag für ein BEV-Untergehäuse vom Sommer 2025. Einen dritten Weg zeigt das Fraunhofer LBF mit einem In-situ-Sandwich, bei dem Integralschaum im Hybridwerkzeug zwischen zwei endlosfaserverstärkte Decklagen gespritzt wird – laut VDI-Zentrum Ressourceneffizienz in rund zwei Minuten ohne Nacharbeit.

Brandschutz: was die Regelwerke ab 2026 verlangen

Der Brandschutz am Batteriegehäuse ist keine Konstruktionskür, sondern eine Genehmigungsbedingung – und sie zieht gerade an. Maßgeblich ist in Europa die UN-Regelung Nr. 100. Fachdarstellungen dazu, etwa bei Battery Design und beim Prüfdienstleister UTAC, ordnen deren 05-Änderungsserie so ein: im März 2025 angenommen, am 26. September 2025 in Kraft getreten. Ab dem 1. September 2027 müssen die Vertragsstaaten Typgenehmigungen nach älteren Änderungsserien, die danach erstmals erteilt wurden, nicht mehr anerkennen – für neue Genehmigungen führt damit praktisch kein Weg an der 05-Serie vorbei. Geprüft wird die thermische Propagation: Eine Zelle wird gezielt ins thermische Durchgehen getrieben, und nachzuweisen ist, dass die Insassen entweder keiner Gefährdung ausgesetzt sind oder mindestens fünf Minuten vorher gewarnt werden. Die verbreitete Kurzformel, der Brand müsse fünf Minuten im Paket bleiben, verfehlt den Punkt: Bewertet wird der Schutz der Insassen.

RegelwerkGeltungKern der Anforderung
UN-Regelung Nr. 100, 05-Änderungsseriein Kraft seit 26.09.2025; ab 01.09.2027 erstmals erteilte Typgenehmigungen nach älteren Änderungsserien müssen nicht mehr anerkannt werdenNachweis zur thermischen Propagation: keine Gefährdung der Insassen oder Vorwarnung mindestens fünf Minuten vorher
GB 38031-2025 (China)gilt ab 01.07.2026, für Bestandsgenehmigungen mit Übergangsfrist von 13 Monatennach thermischem Durchgehen zwei Stunden ohne Brand und Explosion, Warnsignal binnen fünf Minuten; dazu Bodenaufprall- und Schnellladeprüfung
Zwei Regelwerke, zwei Schutzziele. Angaben nach den Fachdarstellungen von Battery Design, UTAC und des Institute for Global Automotive Regulatory Research. Für global gebaute Plattformen ist der chinesische Wert der schärfere Auslegungspunkt.

Für die Werkstoffwahl hat das handfeste Folgen. Zwei Stunden ohne Brand und Explosion sind keine Frage der Wandstärke mehr, sondern der Barriere: flammhemmend eingestellte Pressmassen, Deckel- und Trennlagen, die dem Partikelbeschuss eines brennenden Zellstapels standhalten, und eine Architektur, die den Zellbrand kanalisiert statt ihn zu verteilen. Der Werkstoffhersteller Envalior berichtet für sein endlosfaserverstärktes Thermoplast-Halbzeug Tepex, es habe im Partikelbeschuss-Test schon bei rund zwei Millimetern Wandstärke auch bei 1.400 °C nicht durchgebrannt. Duroplastische Pressmassen haben dabei einen Startvorteil, weil sie nicht schmelzen und sich gut flammhemmend ausrüsten lassen; Prüfnormen und Klassen stehen im Dossier zum Brandverhalten von GFK.

Class A: warum die Oberfläche im Auto so schwer ist

Class A ist die höchste Güteklasse für lackierte Karosserieflächen, und im Faserverbund ist sie aus einem physikalischen Grund schwer zu erreichen: Die Matrix schwindet, die Faser nicht. Duroplaste wie SMC schwinden beim Aushärten (Reaktionsschwindung, verstärkt durch die Reaktionswärme), Thermoplaste zusätzlich beim Abkühlen und Kristallisieren. Über einem Gewebe zeichnet sich deshalb die Faserarchitektur ab – eine feine Welligkeit im Muster der Verstärkung, die auch der Lack nicht ganz zudeckt (Print-through). Nach einer Darstellung im Fachdienst Maschinenmarkt fällt der Effekt bei teilkristallinen Matrices wie Polyamid stärker aus als bei amorphen wie Polycarbonat – dort ist von etwa dreifacher Profiltiefe die Rede; als Gegenmaßnahmen gelten schwindungsarme Harzsysteme, feine Gewebe mit dünnen Rovings, amorphe Decklagen und In-Mould-Coating mit thermoplastischen Folien. Werkstoffseitig antwortet bei SMC das Low-Density-SMC, das die Dichte von rund 1,9 auf 1,2 Gramm je Kubikzentimeter senkt und trotzdem Class-A-fähig bleibt (Details im Dossier).

Beurteilt wird das Ergebnis nicht nach Gefühl, sondern mit der Wave-scan-Messung von BYK-Gardner, die die Oberflächenstruktur in einen langwelligen Bereich von rund 1,2 bis 12 Millimetern und einen kurzwelligen von 0,3 bis 1,2 Millimetern zerlegt; die Grenzwerte gibt der Fahrzeughersteller je nach Bauteillage, Farbe und Baureihe vor. Bei SMC kam ein zweites Problem hinzu, das CompositesWorld an einem älteren Fall aus der nordamerikanischen Serienfertigung schildert: Das übliche schwindungsmindernde Additiv Polyvinylacetat nahm bei Transport und Lagerung Feuchte auf und gab sie im Primerofen wieder ab – Mikroporen und Print-through waren die Folge. Die Harzhersteller Ashland und AOC formulierten daraufhin laut demselben Beitrag auf eine Feuchteaufnahme unter 0,3 Prozent um; der Beitrag beschreibt damit ein gelöstes Problem und nicht den heutigen Serienstand.

Der dritte Engpass ist der Ofen. Die kathodische Tauchlackierung brennt nach Angaben des Fachdienstes besser lackieren bei 180 bis 200 °C ein – eine Temperatur, die temperaturempfindliche Leichtbauwerkstoffe an ihre Grenze bringt; Axalta Coating Systems arbeitet deshalb an Systemen, die bereits bei 125 °C vernetzen. Wer den Ofen nicht durchläuft, muss offline lackieren und verliert einen Teil des Kostenvorteils. In der Presse ist der Gegenzug das In-Mould-Coating: Der Verarbeiter Creative Composites fertigt laut Leichtbauwelt seit 2018 Class-A-Außenbauteile auf Dieffenbacher-Pressen mit aktiver Parallelhaltung und Presskräften bis 30.000 Kilonewton – exzentrische Momente beim Schließen wären sonst direkt in der Oberfläche sichtbar. Siempelkamp beziffert die nötige Spaltsteuerung auf den Zehntelmillimeterbereich.

Was ein Bauteil kosten darf

Faserverbund gewinnt im Auto selten über den Kilopreis. Wie weit die Spanne reicht, zeigt eine 2020 in der Leichtbauwelt referierte Auswertung: Je nach Leichtbauansatz schwanken die Mehrkosten zwischen drei und vierzig Euro je eingespartem Kilogramm. Innerhalb dieser Spanne entscheidet nicht das Material, sondern die Bauteilstruktur. Ersetzt ein gepresstes Composite-Bauteil mehrere Blechteile samt Fügeschritten, Dichtungen und Korrosionsschutz, kippt die Rechnung; bleibt es ein Eins-zu-eins-Tausch, kippt sie fast nie. Kautex führt seine Kostensenkung von bis zu 20 Prozent denn auch nicht auf den Werkstoff zurück, sondern auf integrierte Kühlplatten und entfallende Montageschritte.

Die zweite Größe ist das Werkzeug. Der Verarbeiter Hintsteiner formuliert die Faustregel deutlich: Stahlwerkzeuge für das SMC-Pressen rechnen sich meist erst bei Stückzahlen jenseits der tausend. Darunter beginnt das Revier des klassischen Formenbaus – bis hin zu einem Weg, den derselbe Betrieb beschreibt: SMC im Autoklaven statt in der Presse, mit gefrästem Mastermodell aus Epoxidblock, davon abgeformter CFK-Negativform und einer Rückseite, die über die Kompaktierung entsteht. Eine Werkzeughälfte entfällt damit und mit ihr der größte Teil der Investition (Werkzeugmaterialien im Formenbau).

Reparatur und Kreislauf im Fahrzeugleben

Im Schadenfall trennen sich die beiden Welten des Automotive-Composites deutlich. Zu gepressten Serienteilen stellt kfz-betrieb nüchtern fest: Beschädigte SMC-Teile lassen sich weder umformen noch schweißen, und liegen durch einen Bruch tragende Fasern frei, wird das gesamte Bauteil getauscht. Handlaminierte GFK-Teile aus Kleinserie und Tuning verhalten sich umgekehrt – sie werden angeschliffen, mit neuen Faserlagen hinterlegt, gespachtelt und überlackiert. Der Unterschied liegt nicht am Werkstoff, sondern an Nachweisbarkeit und Wirtschaftlichkeit: Was an einem Anbauteil vertretbar ist, ist an einem crashrelevanten Serienbauteil ohne Freigabe des Fahrzeugherstellers keine Option (Leitartikel zur Faserverbund-Reparatur).

Am Lebensende wird der Rahmen gerade neu gesteckt. Die EU-Altfahrzeug-Verordnung wurde Ende Juni 2026 vom Rat förmlich angenommen – die Rats-Pressemitteilung datiert vom 29. Juni – und tritt im Sommer 2026 in Kraft. Sie verlangt für Kunststoffe in neuen Fahrzeugen sechs Jahre nach Inkrafttreten mindestens 15 Prozent Rezyklat und nach zehn Jahren mindestens 25 Prozent, wovon mindestens ein Fünftel aus Altfahrzeugen selbst stammen muss (Car-to-Car). Der Verband TecPart weist darauf hin, dass Produktionsabfälle nicht angerechnet werden – nur Post-Consumer-Material zählt, und das ist für technische Anwendungen bislang weder in ausreichender Menge noch Qualität verfügbar (Composite-Recyclingverfahren, Kreislauf und Recycling).

Auf der Faserseite bewegt sich dafür einiges. Das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik (EMI) in Freiburg arbeitet an einem laserbasierten Verfahren, bei dem Pyrolyse der Matrix und Abwickeln der Faser gleichzeitig ablaufen – anders als bei rein thermischen Verfahren bleibt die Faser endlos, angestrebt sind laut Projektleitung rund zehn Euro je Kilogramm (recycelte Carbonfaser). Parallel wird die CO2-Bilanz vom Nebenkriterium zur Einkaufsbedingung – GroKuBat führt seine 25 Prozent Einsparung nicht ohne Grund als Kernargument (Ökobilanz und digitaler Produktpass).

Kleinserie, Motorsport und Tuning

Unterhalb der Serienschwelle liegt ein eigenständiges Segment mit eigener Logik: kein Stahlwerkzeug, keine Presse, kein Bandtakt, sondern eine abgeformte Negativform, aus der einige Dutzend bis einige hundert Teile gezogen werden – Hauben, Kotflügel, Radläufe, Bodykits, Oldtimer-Ersatzteile, Rennsportverkleidungen. Dort ist der klassische GFK-Formenbau zu Hause, und dort entscheidet sich die Qualität an der Form statt an der Anlage. Den Weg vom Serienteil über das Urmodell zur Form, die Wahl zwischen Handlaminat, Sichtcarbon und Vakuuminfusion sowie die Frage der Eintragung behandelt das Dossier zu Karosserieteilen aus GFK; verwandte Aufbauten stehen im Dossier zum Wohnmobil- und Camperausbau.

Womit die Branche 2026 ringt

Der AVK-Bericht macht aus der Lage kein Geheimnis: Der SMC-Markt gab 2025 um 2,1 Prozent nach, BMC um 2,8 Prozent – und für den Automobilbereich sieht der Bericht auf Sicht wenig Wachstumsaussicht. Bemerkenswert ist die Begründung im Batteriesegment: Nach einer positiven Entwicklung 2023 und im ersten Halbjahr 2024, ausgelöst von zahlreichen OEM-Projekten zur Batterietechnik, sei der Markt auch dort ins Minus gerutscht, weil Forschungsprojekte vielfach eingestellt wurden oder andere Werkstoffsysteme zum Zug kommen; SMC für Batteriedeckel könne den Rückgang bestenfalls abfedern. Das Batteriegehäuse bleibt das am intensivsten bearbeitete Entwicklungsfeld der Branche – ein Selbstläufer ist es nicht.

Hinzu kommt eine strukturelle Verschiebung, die der Bericht auf eine schlichte Formel bringt: Ein Auto, das nicht in Europa gebaut wird, braucht auch keine europäischen Bauteile – und zunehmend entstehen die Bauteile ohnehin in der Absatzregion. Die Neuzulassungen in der EU lagen 2025 bei rund 10,8 Millionen Pkw gegenüber 10,6 Millionen im Vorjahr, damit über dem Tiefstand von 9,3 Millionen aus 2022, aber deutlich unter dem Niveau von 2018 und 2019. Eine Rückkehr von Carbon-Großserienkarosserien erwartet kaum jemand; die realistischen Chancen liegen bei GFK, rezyklierten Fasern, Naturfasern im Interieur (Flachs und Hanf in der Serie) und Hybridbauweisen aus Metall und Composite.