Wer GFK- oder Carbon-Teile in mehreren Etappen baut, kennt das Problem: Voll ausgehärtetes Harz ist glatt und glänzend, und auf so einer Fläche hält keine spätere Klebung oder Lackierung zuverlässig. Normalerweise muss man die Stelle deshalb anschleifen – staubig, mühsam und nie ganz gleichmäßig. Genau das nimmt dir das Abreißgewebe (Peel Ply) ab.

Das Prinzip ist einfach: Du legst das Gewebe als letzte Lage auf das noch nasse Laminat. Es nimmt überschüssiges Harz auf und bildet eine schützende Deckschicht. Nach dem Aushärten reißt du es ab – und mit ihm die dünne, glatte Harzhaut. Zurück bleibt eine gleichmäßig raue, fettfreie Oberfläche, auf der spätere Schichten wie an einem Klettverschluss greifen. Das spart Schleifen und Schleifstaub und ist die Standardvorbereitung für die sogenannte Sekundärverklebung (das Verkleben oder Weiterlaminieren auf bereits ausgehärtetem Material).

Kurz erklärt: Was Peel Ply leistet – und was nicht

  • Saugt Überschussharz ab und sorgt für ein günstiges Faser-Harz-Verhältnis.
  • Schützt die Oberfläche vor Schmutz, bis du weiterarbeitest.
  • Hinterlässt nach dem Abziehen eine definiert raue, saubere Klebefläche – ohne Anschleifen.
  • Ist KEIN Trennmittel zur Form hin: Zwischen Form und Bauteil brauchst du weiterhin echtes Trennmittel.

Material & Werkzeug

Material

  • Abreißgewebe / Peel Ply (Nylon/Polyamid oder Polyester; Richtwerte ~64–105 g/m²)
  • Variante mit farbigem Kennfaden (Tracer) – zeigt, ob alles wieder abgezogen ist
  • Leinwandbindung für ebene Flächen, Köperbindung für Rundungen/komplexe Formen
  • Fertiges, frisch getränktes Laminat als Untergrund
  • Bei Vakuum zusätzlich: perforierte Trennfolie (Lochfolie) und Saugvlies (Breather)
  • Optional ein Entfetter zum Reinigen der frischen Fläche – lösemittelhaltig, daher nur bei guter Belüftung und mit Handschuhen verwenden

Werkzeug

  • Entlüftungs- oder Laminierroller zum blasenfreien Andrücken
  • Scharfe Schere oder Cutter zum großzügigen Zuschnitt (vom Körper weg schneiden, auf Schneidunterlage)
  • Nitril-Handschuhe und sauberer Arbeitsplatz
  • Optional: Probestück für eine Probeverklebung bei unbekanntem Peel Ply
  • Optional: Schleifpapier (Körnung ~60–120) für hochbelastete Klebungen
  • Beim Anschleifen: Staubmaske (FFP2/FFP3) und Absaugung – Schleifstaub (besonders bei Carbon) reizt Atemwege und Haut

Schritt für Schritt

  1. Passendes Abreißgewebe auswählen

    Peel Ply gibt es aus Polyamid (Nylon) oder Polyester, beschichtet oder unbeschichtet. Beschichtete Typen lösen sich auch bei kniffligen Geometrien und aggressiven Harzen leichter – die Beschichtung ist aber oft ein Trennmittel (Silikon oder Teflon), das die spätere Haftung stören kann. Unbeschichtete Gewebe sind klebefreundlich, haften dem Laminat aber manchmal so gut, dass sie schwer abzuziehen sind. Für die Klebevorbereitung ist die Bindung wichtig: Leinwand liegt flach auf ebenen Teilen, Köper drapiert sich besser um Rundungen.

    • Im Zweifel ein klebefreundliches, silikonfreies Peel Ply für Verklebungen wählen.
    • Köperbindung für gewölbte Geometrien, Leinwand für ebene Flächen.
    • Variante mit Kennfaden nehmen – so übersiehst du kein Reststück.
    Verschiedene Abreißgewebe in Leinwand- und Köperbindung mit roten und blauen Kennfäden zum Vergleich auf der Werkbank
  2. Großzügig zuschneiden

    Schneide das Abreißgewebe deutlich größer als die zu belegende Fläche zu, mit reichlich Überstand an allen Seiten (Richtwert über 10 cm). Der Überstand wird später deine Anfasszone zum Abziehen – ohne ihn musst du am ausgehärteten Teil mühsam nach einer Kante suchen. Lege den Zuschnitt vor dem Laminieren bereit, damit du nicht hektisch wirst, während das Harz schon angeliert.

    • Über 10 cm Überstand machen das spätere Abziehen deutlich leichter.
    • Lieber ein Stück zu groß als zu klein zuschneiden.
    • Zuschnitt vorab parat legen – Harz wartet nicht.
    Abreißgewebe wird mit reichlich Überstand deutlich größer als das Bauteil zugeschnitten
  3. Faltenfrei ins nasse Laminat einlegen

    Lege das Peel Ply auf die noch flüssige, letzte Harzschicht – ähnlich wie eine weitere Lage Glasgewebe. Beginne an einer Kante und arbeite dich gleichmäßig vor, damit keine Falten und keine Luft eingeschlossen werden. Auf gewölbten Teilen das Gewebe sanft in die Form drapieren statt es zu spannen, sonst hebt es sich an Radien ab (Bridging).

    • Auf das noch nasse Laminat legen, nicht erst nach dem Anhärten.
    • Von einer Kante her arbeiten, damit Luft entweichen kann.
    • An Rundungen drapieren, nicht straff ziehen.
    Abreißgewebe wird von einer Kante her faltenfrei auf das nasse Laminat gelegt
  4. Blasenfrei andrücken

    Rolle das Abreißgewebe mit dem Entlüftungs- oder Laminierroller fest an, bis es vollflächig im Harz liegt und sich die Farbe gleichmäßig zeigt – ohne sichtbare Luftblasen oder trockene Stellen. Überall, wo Luft unter dem Peel Ply sitzt, entsteht später eine glatte, schlecht haftende Stelle, die du doch wieder anschleifen müsstest.

    • Voller Kontakt mit dem Harz darunter ist das Ziel.
    • Eingeschlossene Luft = glatte Fehlstelle in der späteren Klebefläche.
    • Gleichmäßige Farbe ohne Blasen zeigt, dass es richtig liegt.
    Mit dem Entlüftungsroller wird das Abreißgewebe blasenfrei ins nasse Harz angedrückt
  5. Überlappungen vermeiden – stumpf stoßen

    Brauchst du mehrere Bahnen, dann stoße sie stumpf aneinander, statt sie zu überlappen. Eine Überlappung drückt sich als Stufe oder Linie in die Oberfläche und gibt einen sichtbaren Abdruck. Bei einem Vakuumaufbau gehört das Peel Ply unter die perforierte Trennfolie (Lochfolie) und das Saugvlies – die Reihenfolge im Vakuumsack erklärt die Anleitung zum Vakuumsack-Aufbau im Detail.

    • Bahnen stumpf stoßen, nicht überlappen – Überlappungen geben Abdrücke.
    • Möglichst in einem Stück arbeiten.
    • Im Vakuum: Peel Ply zuunterst, dann Lochfolie, dann Breather.
  6. Im richtigen Moment abziehen

    Lass das Harz ausreichend durchhärten, bevor du das Peel Ply abziehst. Das Timing ist entscheidend: Ziehst du zu früh ab, kann das Gewebe Fasern oder ganze Lagen mit anheben, weil das Laminat noch nicht fest genug ist. Bei manchen Systemen wird das Gewebe dagegen schwer abziehbar, wenn das Harz vollständig durchgehärtet und gealtert ist. Im Zweifel orientiere dich am Datenblatt deines Harzsystems.

    • Zu früh = Gefahr, dass Lagen mitgerissen werden.
    • Zu spät = bei manchen Systemen schwer abziehbar.
    • Datenblatt des Harzes als verlässliche Timing-Quelle nutzen.
    An der Ecke wird geprüft, ob das durchgehärtete Abreißgewebe bereit zum Abziehen ist
  7. Flach und gleichmäßig abreißen

    Fasse den Überstand und ziehe das Abreißgewebe langsam in einem flachen, spitzen Winkel vom Bauteil ab – Richtung möglichst parallel zur Fläche. So reißt die dünne Harzhaut sauber mit ab und du erhältst die gewünschte gleichmäßig raue Struktur. Ein zu steiler Zug kann die Oberfläche aufreißen. Kontrolliere danach, dass keine glänzenden Reststellen bleiben; dort hat das Peel Ply nicht abgehoben und müsste klassisch angeschliffen werden.

    • Flacher, spitzer Winkel reißt die Harzhaut sauber mit ab.
    • Kennfaden prüfen: kein Reststück darf im Bauteil bleiben.
    • Glänzende Stellen = nicht erfasst → dort doch anschleifen.
    Das Abreißgewebe wird im flachen, spitzen Winkel abgerissen und legt die raue Oberfläche frei
  8. Frische Fläche zügig weiterverarbeiten

    Die frisch freigelegte Oberfläche ist sauber und reaktionsfreudig – aber genau deshalb verschmutzt und oxidiert sie mit der Zeit. Verklebe, laminiere oder lackiere also möglichst bald nach dem Abziehen. Fasse die Fläche nicht mit bloßen Händen an (Hautfett!). Für strukturelle oder sicherheitskritische Klebungen ist leichtes Anschleifen die sichere Reserve: Eine Peel-Ply-Oberfläche ist nicht immer perfekt reproduzierbar, und unbeschichtete Gewebe können abgerissene Restfasern hinterlassen. Schleife die Fläche dann kurz vor dem Kleben grob an (Richtwert Körnung 60–120) und entfette sie.

    • Bald nach dem Abziehen weiterarbeiten – die Fläche altert.
    • Nicht mit bloßen Fingern berühren (Fett stört die Haftung).
    • Für strukturelle/zweifelhafte Klebungen als Sicherheitsreserve grob anschleifen (~60–120) und entfetten.
    Auf die frisch abgezogene, raue Fläche wird sofort weiterlaminiert und geklebt

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

  • Spätere Klebung oder Lackierung haftet nichtVermutlich ein silikon-/teflonbeschichtetes Peel Ply, das Trennmittel auf die Fläche übertragen hat – schon kleine Mengen stören die Haftung massiv. Für Verklebungen ein klebefreundliches, silikonfreies Gewebe wählen und bei unbekanntem Material vorab eine Probeverklebung machen. Im Zweifel die Fläche zusätzlich anschleifen und entfetten.
  • Glatte, glänzende Stellen nach dem AbziehenDort lag Luft unter dem Peel Ply oder es hatte keinen Harzkontakt. Beim nächsten Mal gründlich mit dem Roller andrücken, bis die Farbe überall gleichmäßig ist. Vorhandene Glanzstellen vor dem Weiterarbeiten klassisch anschleifen.
  • Das Gewebe reißt Fasern oder Lagen mit herausZu früh abgezogen – das Laminat war noch nicht fest genug. Länger durchhärten lassen und sich am Datenblatt des Harzsystems orientieren; lieber etwas zu spät als zu früh.
  • Das Peel Ply lässt sich kaum noch abziehenBei manchen Systemen wird unbeschichtetes Gewebe nach vollständiger, langer Aushärtung schwer lösbar. Im passenden Zeitfenster abziehen oder ein leichter ablösbares (beschichtetes) Gewebe verwenden – dann aber die Silikon-Falle bei Klebungen beachten.
  • Stufen oder Linien in der OberflächeDie Bahnen wurden überlappt statt stumpf gestoßen, oder eine Falte hat sich abgedrückt. Peel Ply möglichst in einem Stück auflegen, Bahnen stumpf stoßen und faltenfrei andrücken.
  • Bauteil klebt trotz Peel Ply in der Form festPeel Ply ist kein Trennmittel zur Form. Es wirkt nur an der Außenseite des Laminats. Zwischen Form und Bauteil weiterhin ein echtes Trennsystem (Wachs, ggf. PVA/semi-permanent) verwenden.

Bildhinweis: Die Abbildungen in dieser Anleitung sind KI-generierte Illustrationen, die die beschriebenen Arbeitsschritte veranschaulichen.