Sichtcarbon (Klarsicht-Carbon) heißt: Das Gewebe bleibt sichtbar und soll tief, gleichmäßig und hochglänzend wirken. Anders als beim Strukturlaminat zählt hier jede optische Kleinigkeit. Der wichtigste Grundsatz: Die später sichtbare Fläche wird zuerst aufgebaut – auf die getrennte Form kommt eine dünne transparente Klar-/Deckschicht, erst danach das Carbongewebe. Diese Klarschicht hält die beim Laminieren fast unvermeidlichen Pinholes von der Sichtfläche fern und lässt sich später sauber polieren.
Ehrlich vorab: Eine wirklich lunker- und pinholefreie Sichtoberfläche ist im Handlaminat (auch mit Vakuum) kaum perfekt zu erreichen – das gelingt praktisch nur mit Prepreg im Autoklav. Im Handlaminat plant man deshalb das Finish (Porenfüller + UV-Klarlack) von vornherein mit ein. Das ist kein Makel, sondern der normale Weg zur Hochglanz-Optik.
Material & Werkzeug
Material
- Carbongewebe (Köper 2/2 drapiert um Rundungen schöner; Leinwand liegt flacher)
- Transparentes Epoxid-Deckschichtharz oder Klargelcoat für die erste Klarschicht in der Form
- Epoxid-Laminierharz (geringer Schwund, gute Tränkung)
- Optional: feines Glasgewebe/-vlies (~25 g/m²) als erste Lage hinter der Klarschicht – macht Pinholes kleiner
- Optional: Systementlüfter (Additiv) und Blasenfrei-Zerstäuber
- Trennmittel (Wachs + ggf. PVA/semi-permanent), Abreißgewebe (Peel Ply)
- UV-stabiler 2K-Klarlack (PUR) und transgleicher Poren-/Wischfüller fürs Finish
Werkzeug
- Feinwaage, Mischbecher, Pinsel und Entlüftungs-/Stachelroller
- Heißluftföhn (kurzes Anwärmen lässt Bläschen aufplatzen)
- Optional: Vakuum-Entgasungstopf für das flüssige Harz
- Schleifpapier 320–800 (und feiner für Nassschliff), Poliermaschine + Politur
- Nitrilhandschuhe, Atemschutz (A2/P2) und Schutzbrille
Schritt für Schritt
Form vorbereiten und Klarschicht zuerst auftragen
Form sauber trennen (Wachs, ggf. PVA/semi-permanent). Dann eine dünne, gleichmäßige transparente Klar-/Deckschicht (Epoxid-Deckschichtharz oder Klargelcoat) auftragen. Diese Schicht wird später die Sichtfläche und hält Pinholes vom Carbon fern.
- Nicht durchhärten lassen: Die Klarschicht nur angelieren lassen, bis sie klebrig ist wie die Rückseite eines Klebebands.
- Eine zu dünne Deckschicht begünstigt späteres Print-Through – lieber ausreichend, aber gleichmäßig.

Carbongewebe nass in nass einlegen
Sobald die Klarschicht angeliert ist, das Carbongewebe einlegen und einarbeiten – strikt nass in nass. Härtet die erste Schicht vollständig durch, bindet das Gewebe nicht sauber an. Das Gewebe faltenfrei und ohne Verschieben auflegen; verschobene Fäden ruinieren die Optik dauerhaft.
- Optional zuerst eine feine 25-g/m²-Glaslage einlegen – sie macht entstehende Pinholes kleiner.
- Köper 2/2 lässt sich um Radien besser drapieren als Leinwand.

Sauber tränken und gründlich entlüften
Mit leichtem Harzüberschuss arbeiten, sodass das Gewebe leicht im Harz schwimmt, und mit dem Entlüftungsroller durchrollen, bis keine Bläschen mehr sichtbar sind. Frisch getränktes Harz kurz mit dem Föhn anwärmen – das lässt letzte Bläschen aufplatzen. Praxis-Trick: Harz zuerst in die Form, dann das Gewebe von unten her durchtränken, statt es von oben aufzupressen.
- Weiße/trockene Stellen = Harzmangel oder eingeschlossene Luft: mehr Harz, weiter durchrollen.
- Erst wenn alles blasenfrei und gleichmäßig getränkt ist, kommt das Abreißgewebe drauf.


Harz entgasen – und die Vakuum-Falle kennen
Das angemischte Harz vor der Verarbeitung kurz ruhen lassen oder im Unterdruck entgasen; das treibt eingerührte Luft aus und reduziert Pinholes deutlich. Wichtig für die Sichtschicht: Vakuum am fertigen Laminat hilft der Konsolidierung und dem Faseranteil – kann an der kosmetischen Oberfläche Pinholes aber sogar VERGRÖSSERN, weil eingeschlossene Restluft unter Unterdruck stark expandiert.
- Für reine Optik daher: Harz entgasen + Klarschicht zuerst, statt auf Vakuum zu setzen.
- Wenn Vakuum, dann nur moderat; volles Vakuum begünstigt harzarme, pinhole-anfällige Oberflächen. Blasen verkleinern lässt sich zuverlässiger mit leichtem Überdruck/Pressen.

Abreißgewebe auflegen, aushärten und tempern
Nach vollständiger Tränkung das Abreißgewebe (Peel Ply) in einem Stück mit Überstand auf die noch feuchte Fläche aufrollen (Stückelungen geben Abdrücke). Aushärten lassen und anschließend tempern (Post-Cure) – das erhöht Vernetzungsgrad, Festigkeit und Wärmestandfestigkeit.
- Peel Ply nach dem Aushärten im spitzen Winkel abziehen – es hinterlässt eine saubere, weiter beschichtbare Oberfläche.
- Aufheiz- und Abkühlrate bei freitragenden Teilen moderat halten (Richtwert max. ~10 K/h).

Print-Through vermeiden
Print-Through (das Gewebemuster zeichnet sich später ab) entsteht durch Aushärteschrumpf und Reaktionswärme: harzreiche Zonen schrumpfen stärker als faserreiche. Gegenmittel: Epoxid (geringer Schwund, ca. ≤2 % gegenüber 4–8 % bei Polyester/Vinylester), eine ausreichend dicke Deckschicht, langsam härtende Systeme und vollständiges Durchhärten/Tempern, bevor gespachtelt oder lackiert wird.
- Füller/Grundierung erst auf voll ausgehärtetes, getempertes Substrat – sonst arbeitet der Schrumpf nach.
- Dünne Deckschicht = mehr Durchzeichnen; das ist die häufigste Print-Through-Ursache.
Finish: füllern, schleifen, UV-Klarlack
Für Hochglanz: vorhandene Pinholes mit einem (transparenten/schwarzen) Poren-/Wischfüller einmassieren, überschüssigen Füller nur mechanisch abnehmen – nicht mit Lösemittel auswaschen. Dann fein schleifen (320 → 800) und einen UV-stabilen 2K-Klarlack (PUR) in mehreren dünnen Gängen auftragen. Abschließend Nassschliff und Politur.
- Der UV-Klarlack ist Pflicht für Außen-/Sonneneinsatz: Epoxid vergilbt und kreidet sonst.
- Klarlack blasenarm mischen, kurz ruhen lassen und bei 18–25 °C / unter ~70 % Luftfeuchte verarbeiten.


Typische Fehler – und wie du sie vermeidest


- Pinholes (winzige Löcher) in der SichtflächeEingeschlossene Luft. Harz vor der Verarbeitung entgasen, mit Klarschicht zuerst arbeiten, sorgfältig von unten durchtränken und durchrollen, kurz anföhnen. Achtung: Vakuum kann die Pinholes der Sichtschicht vergrößern – hier hilft Entgasen/Überdruck mehr.
- Weiße oder trockene Stellen im GewebeHarzmangel oder Luft unter den Fasern. Mit leichtem Harzüberschuss arbeiten, gründlich durchrollen, bis das Gewebe gleichmäßig benetzt ist, erst dann Peel Ply auflegen.
- Das Gewebemuster zeichnet sich später ab (Print-Through)Aushärteschrumpf. Epoxid statt Polyester, ausreichend dicke Deckschicht, langsam härtendes System, vollständig durchhärten und tempern, erst danach spachteln/lackieren.
- Die Oberfläche vergilbt im FreienEpoxid ist nicht UV-stabil. Immer einen UV-stabilen 2K-Klarlack als Schutzschicht aufbringen (oder ein UV-stabilisiertes Harzsystem verwenden).
- Abdrücke/Welligkeit durch den VakuumsackFolienbrücken (Bridging) an Ecken oder Falten. Folie reichlich groß und faltenfrei einlegen, in Ecken eindrücken – und für beste Sichtoptik nur moderates Vakuum nutzen.
Bildhinweis: Die Abbildungen in dieser Anleitung sind KI-generierte Illustrationen, die die beschriebenen Arbeitsschritte veranschaulichen.
