Beim Faserspritzen erledigt die Anlage zwei Handgriffe auf einmal: Ein rotierendes Schneidwerk an der Pistole – der Chopper – zieht Endlosglasfaser (Roving) ein, schneidet sie in Stücke von meist 20 bis 40 Millimetern und wirft sie direkt in den Harzstrahl. Beides landet gemeinsam in der Form, verdichtet wird von Hand. Das Ergebnis: ein Wirrfaserlaminat mit typisch rund 30 Gewichtsprozent Glas – weniger fest als gerichtetes Gewebe, aber für Wannen, Behälter und große Flächen völlig ausreichend und unschlagbar schnell.
Dieses How-to ist die Schritt-für-Schritt-Ebene: ein kompletter Spritztag, wie er in der Werkstatt wirklich abläuft. Wann sich das Verfahren lohnt, klärt der Verfahrens-Leitartikel – hier zählen Handgriffe, Einstellwerte und die richtige Reihenfolge.
Material & Werkzeug
Material
- Spritzfähiges UP-Harz (ungesättigtes Polyesterharz), vorbeschleunigt, möglichst styrolreduziert; Faustregel: rund 1 kg pro Quadratmeter und Millimeter Wandstärke
- MEKP-Härter (Methylethylketonperoxid) passend zum Harz – die Anlage dosiert typisch 1–2 %; Vorsicht: organisches Peroxid, verursacht schwere Augenschäden – nur mit Schutzbrille umfüllen und nie direkt mit Beschleuniger oder verschmutztem Harz in Kontakt bringen (heftige Reaktion)
- Spritzroving: Endlosglasfaser-Strang, fürs Faserspritzen ausgerüstet; Menge grob ein Drittel des Laminatgewichts
- Gelcoat (eingefärbte Deckschicht) samt Härter
- Trennmittel nach Formzustand: Wachs oder semipermanentes System
- Spülmittel für die Anlage nach Herstellervorgabe, großzügig kalkuliert
- Folie oder Plattenreste als Testfläche, Abdeckung für Overspray
Werkzeug
- Faserspritzanlage mit Chopper-Pistole – Niederdruck-Anlagen (etwa von Wolfangel oder Magnum Venus Products) regeln Harzmenge und Glasanteil stufenlos
- Riffelwalzen (Entlüftungsroller mit Metallscheiben) in mehreren Breiten, dazu schmale Radienroller
- Laminierpinsel für Ecken und Hinterschnitte
- Digitalwaage, Einwegbecher und Stoppuhr für die Kalibrierung
- Messkamm oder Nadel-Dickenmesser für die nasse Schichtdicke
- PSA: gebläseunterstützte Atemschutzhaube (TH2A) oder Halbmaske mit Gasfilter A2, Nitril- oder Butylhandschuhe, dichter Einwegoverall, Schutzbrille
Schritt für Schritt
Anlage und Arbeitsschutz vorbereiten
Erst die Halle, dann die Technik: Absaugung einschalten, Spritzbereich abgrenzen, Overspray-Zonen abdecken; Zündquellen wie Schleiffunken, offene Flammen oder ungeschützte Elektrogeräte bleiben draußen – Styroldampf ist entzündbar. Dann der Anlagen-Check: Schläuche dicht, Härterleitung blasenfrei gefüllt, Schneidwerk-Klingen scharf, Luftdruck nach Herstellervorgabe. Zuletzt die PSA komplett anlegen.
- Stumpfe Chopper-Klingen reißen den Roving statt ihn zu schneiden – das gibt Faserbüschel im Laminat.

Form vorbereiten: Trennmittel und Gelcoat
Die Form bekommt ihre übliche Pflege: reinigen, Trennmittel auftragen, Gelcoat aufbringen und angelieren lassen, bis er bei der Fingerprobe klebfrei ist. Das läuft wie beim Handlaminieren – unsere Anleitungen zu Trennmittel und Gelcoat gelten eins zu eins.
- Zu frühes Überspritzen löst den Gelcoat an – der Harzstrahl ist aggressiver als ein Pinsel.

Anlage einstellen: Dosierung, Glasanteil, Schnittlänge
Drei Kennwerte werden gesetzt: Harzdurchsatz (Kilo pro Minute), Härterdosierung nach Datenblatt (typisch 1–2 %) und Glasanteil über die Roving-Zufuhr – Ziel sind rund 30 Gewichtsprozent. Die Schnittlänge bestimmt das Schneidwerk, üblich sind 20 bis 40 Millimeter.
- Kürzere Fasern legen sich leichter in enge Radien, längere bringen mehr Festigkeit.
- Einstellwerte im Anlagen-Logbuch notieren – spart beim nächsten Teil das halbe Einrichten.

Probespritzen auf der Testfläche
Nie direkt in die Form starten. Auf der Testfläche zwei Dinge prüfen: das Spritzbild (gleichmäßiger Fächer, keine Spucker) und die Kalibrierung – je 30 Sekunden nur Harz und nur Glas auffangen, beides wiegen. Daraus ergibt sich der reale Glasanteil.
- Liegt der Wert daneben: Roving-Zufuhr oder Harzdurchsatz nachstellen, erneut messen. Am Probestück auch die Gelierzeit prüfen.

Erste Schicht spritzen: Bahnen und Kreuzgänge
Zuerst den angelierten Gelcoat mit einer dünnen Lage nur Harz vorsprühen – Roving-Zufuhr aus: Auf der benetzten Fläche haften die ersten Faserschnipsel sofort, statt zu verwehen oder abzurutschen. Dann Glas dazuschalten und mit konstantem Abstand und ruhigem Tempo in überlappenden Bahnen arbeiten – jede deckt die vorherige zur Hälfte. Dann die Richtung um 90 Grad drehen und im Kreuzgang eine zweite Passe legen: So werden Faserverteilung und Wandstärke gleichmäßig.
- Wer stehen bleibt, baut lokale Harzseen – senkrechte Flächen dünner ansetzen, sonst rutscht die Masse ab.

Im Video: Der Faser-Harz-Fächer legt sich in überlappenden Bahnen in die Form, die Schicht wächst gleichmäßig an (KI-generiertes Video). Anrollen und Entlüften mit der Riffelwalze
Der kritischste Schritt: Jede Schicht sofort mit der Riffelwalze verdichten, bis alle Fasern getränkt anliegen. Milchig-helle Stellen sind Luft – rollen, bis das Laminat gleichmäßig glasig aussieht. Was hier an Luft bleibt, wird später zur Delamination (Schichtentrennung).
- Mit Druck rollen, aber die Fasern nicht zusammenschieben – die Walze verdichtet, sie verteilt nicht.
- Zu zweit ist Gold wert: Einer spritzt, einer rollt hinterher.

Kanten, Radien und Ecken nacharbeiten
In engen Radien hebt das gespritzte Laminat gern ab, in Innenecken sammelt sich Harz. Mit schmalem Radienroller und Pinsel nacharbeiten: Fasern in den Radius drücken, überschüssiges Harz aus den Ecken holen.
- Abgehobene Fasern in Radien werden Luftblasen direkt hinter dem Gelcoat – genau da, wo man sie sieht.

Schichtdicke prüfen und weitere Lagen aufbauen
Die nasse Schichtdicke mit Messkamm oder Nadel prüfen – geschätzt wird notorisch falsch. Dann nass-in-nass bis zur Zielwandstärke aufbauen, jede Lage anrollen. Pro Durchgang maximal etwa 4 bis 5 Millimeter: Dickere Pakete werden durch die Reaktionswärme (Exothermie) heiß und verziehen sich.
- Bei dickwandigen Teilen zwischen den Paketen angelieren und die Wärme abklingen lassen.
- An mehreren Stellen messen – an Wänden und Radien schwankt die Dicke am stärksten.

Aushärten lassen und entformen
Das Laminat härtet drucklos bei Raumtemperatur aus – über Nacht stehen lassen. Vorher lohnt ein Zwischenschritt: Sobald es angeliert, aber noch lederartig schneidbar ist, die Ränder mit dem Messer besäumen; ausgehärtet geht das nur noch mit Flex, Absaugung und Staubmaske. Zum Entformen Keile ansetzen, gleichmäßig lösen.
- Nie an einer Ecke reißen – rundum in kleinen Schritten lösen. Für spätere Wärmelasten nach Datenblatt tempern (warmnachhärten).

Anlage spülen und Werkstatt sauber übergeben
Sofort nach dem letzten Spritzgang – nicht nach der Kaffeepause – die Anlage nach Herstellervorgabe spülen: Harzweg durchfahren, bis das Spülmittel klar austritt, Pistole und Schneidwerk reinigen. Harz- und Lösemittelreste getrennt entsorgen, die Halle weiterlüften.
- Angehärtetes Harz in Pumpe oder Schlauch ist der teuerste Fehler an der Anlage.
- Klingen und Verschleißteile jetzt prüfen – der nächste Spritztag startet ohne Überraschung.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
- Zu trocken gespritzt – weiße, poröse StellenGlasanteil zu hoch oder Harzdurchsatz zu niedrig: Die Fasern werden nicht satt getränkt und saugen später Wasser. Kalibrierung wiederholen, trockene Stellen nachtränken.
- Zu nass gespritzt – Harzseen, Abrutschen an WändenZu viel Harz macht das Laminat schwer, spröde und schrumpfintensiv. Glaszufuhr erhöhen oder Harzdurchsatz senken, Wände dünner aufbauen.
- Schlampig angerollt – Lufteinschlüsse und DelaminationDer teuerste Fehler: Eingeschlossene Luft trennt die Schichten, unter Last blättert das Laminat auf. Rollen, bis jede Schicht glasig ist – milchig heißt Luft.
- Glasanteil nie gemessen, nur geschätztOhne Becherprobe läuft die Anlage, wie sie der letzte Job verlassen hat. Vor jedem Spritztag die 30-Sekunden-Proben wiegen – zehn Minuten für die Qualität.
- Anlage nach Feierabend nicht gespültRestharz härtet in Pumpe, Schlauch und Düse – im schlimmsten Fall ist die Pistole ein Totalschaden. Spülen gehört zum Spritzgang wie das Anrollen.
- Maske ab, weil es „nur noch zwei Minuten“ sindAuch beim Anrollen und Aufräumen dampft das frische Laminat Styrol aus. PSA bleibt an, bis die Arbeit am nassen Laminat beendet ist.
- Zu dick in einem Durchgang aufgebautAb etwa 5 Millimetern nassem Aufbau wird die Exothermie kritisch: Das Laminat wird heiß und verzieht sich. In Paketen arbeiten, zwischendurch angelieren lassen.
Bildhinweis: Die Abbildungen in dieser Anleitung sind KI-generierte Illustrationen, die die beschriebenen Arbeitsschritte veranschaulichen.
